Anne Rabe (2025): Das M-Wort

Shownotes

Moralische Maßstäbe werden in der politischen Öffentlichkeit immer öfter als Schwäche gebrandmarkt. Sie werden einer vermeintlich „realistischen“ Politik gegenübergestellt. Für rechtsextreme Kräfte ist die Verachtung der Moral politische Strategie.

Es gilt die Moral im Sinne einer Gleichwertigkeit und Gleichheit aller Menschen wieder zu stärken. Die Gravitationskraft der Moral erzeugen wir selbst und müssen sie immer wieder neu hervorbringen. Moralisches Handeln ist also kein Luxus, sondern Teil der Lösung für gegenwärtige Krisen.

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00:00:00: Eine Buchessenz der Friedrich Ebert Stiftung.

00:00:09: Das M-Wort gegen die Verachtung der Moral von Anne Rabe erschien im Klett-Kotterverlag Stuttgart, kurz gefasst und eingeordnet von Hannah Fahrt.

00:00:30: Der Begriff der Morale wird in der politischen Öffentlichkeit oft instrumentalisiert insbesondere von rechter und konservativer Seite.

00:00:42: Seit längerem verschiebt sich der Diskurs weg von gemeinsamen moralischen Grundsätzen, und hin zu einer vermeintlich realistischem Politik – die moralische Maßstäber als Schwäche Brandmarkt.

00:00:56: Diese Abkehr von moralischen grundsätzen wird von Rechtsextremen Kräften befeuert, die die Verachtung der Moral zur politischen Strategie

00:01:05: erheben.".

00:01:07: Demgegenüber gilt es, die Moral im Sinne einer Gleichwertigkeit und Gleichheit aller Menschen wieder zu stärken.

00:01:16: Die Gravitationskraft der Moral ist eine, die wir selbst erzeugen und immer wieder neu hervorbringen müssen.

00:01:25: Moralisches Handeln ist also kein Luxus sondern Teil der Lösung für gegenwärtige Krisen.

00:01:33: Ein Ordnung aus Sicht der sozialen Demokratie.

00:01:38: Über Generationen hinweg haben viele Menschen die Erfahrung gemacht, dass die Kosten für gesellschaftliche Transformationen vor allem auf den Schultern derer Lasten, die aufgrund niedriger Einkommen ohnehin geringere Ressourcen dafür frei haben ihre Interessen politisch zu vertreten.

00:01:57: Selbst wenn es langfristig zu erfolgen kommt, bleiben auf dem Weg dahin daher primär die auf der Strecke, die weder das Geld noch die Fähigkeiten haben um Durststrecken zu überwinden und sich an die neuen Bedingungen anzupassen.

00:02:13: Die Skepsis weiter Teile der Bevölkerung gegenüber Transformationsprozessen wie etwa der nötigen.

00:02:19: Klimatransformation ist daher nachvollziehbar.

00:02:23: Angesichts dessen müssen die auf Erfahrung fußenden Sorgen vor systematischer Benachteiligung ernst genommen werden.

00:02:32: Um eine gerechte Transformation anzustoßen, müssen als Kernanliegen der sozialen Demokratie Fragen der Gleichheit ins Zentrum gerückt und die sozialen Hierarchien unserer Gesellschaft hinterfragt werden.

00:02:47: Raves Appell lautet «Es darf nicht das Glück in der Gebotenlotterie über Freiheit und Würde entscheiden.

00:02:55: Dafür haben wir bereits Instrumente, sie werden nur allzu oft umgangen.

00:03:01: Autoren Anna Rabe, geboren in Wismar, ist Dramatikerin, Lyrikerin, Drehbuchautorin.

00:03:26: Seit mehreren Jahren tritt Rabe auch als Vortragende zur Vergangenheitsbewältigung in Ostdeutschland in Erscheinung.

00:03:34: Inhalt Der Erfolg der extremen Rechten in Deutschland kam nicht etwa mit der Mäßigung der eigenen Positionen.

00:03:44: Ihre Politik wurde umso erfolgreicher, je extremer sie auftrat.

00:03:49: Dabei sieht sich der Rechtsextremismus nicht mit anderen Parteien im Wettstreit der besten politischen Ideen.

00:03:57: Man will weder partnerschaftliche Zusammenarbeit noch Kompromisse, sondern im Grunde nicht weniger als die Abschaffung der Demokratie.

00:04:08: Die Vielfalt der rechtsextremen Strömungen eint der ideologische Kern.

00:04:13: manche Menschen sein Mehrwert als

00:04:16: andere.".

00:04:17: Ein oft gemachter Fehler im Umgang mit dem Rechtsextremismus besteht in dem Glauben, man könne durch Übernahme rechtsextremer Positionen volksnähe demonstrieren und an Glaubwürdigkeit gewinnen.

00:04:31: Insbesondere konservative PolitikerInnen tappen immer wieder in diese Falle.

00:04:37: Dabei inszenieren sie sich selbst als die Mutigen – die Wahrheiten aussprechen, die niemand hören möchte!

00:04:45: Anders als die Rechtsextremen stehen die Vertreterinnen der demokratischen Parteien jedoch nicht außerhalb des demokratischen Diskurses.

00:04:54: Die BürgerInnen wissen, dass sie nicht einfach Grundrechte aussetzen und sich auch dann an Abstimmungsergebnisse halten werden wenn sie nicht in ihrem Sinne ausfallen.

00:05:05: Durch die Übernahme rechtsextremer Positionen gewinnen deshalb nur die Extremisten an Glaubwürdigkeit.

00:05:13: Dennoch ist die im Hintergrund schwellende Annahme einer scheinbaren Zwangsläufigkeit der derzeitigen Entwicklungen ein Irrtum.

00:05:22: Ursächlich sind nicht allein die wirtschaftliche Situation der Bundesrepublik oder die Fluchtbewegungen ins Land, sondern viel mehr die Abkehr von moralischen Grundsätzen.

00:05:34: Richtig ist zwar dass diese insbesondere von den Rechtsextremen gefordert wird – zu Wahrheit gehört aber auch dass sie dabei von den demokratischen Kräften massiv unterstützt wurden.

00:05:48: Die Verachtung der Moral ist dabei nicht neu, Sie war schon immer Motorreaktionärer und gewalttätiger Bewegungen – auch die Strategie derer, die unter dem Deckmantel des Realismus ihre Privilegien verteidigen.

00:06:02: Das Politik und Moral, Synonym- und zugleich als Widerspruch zu einer wie auch immer gearteten Realität verwendet werden ist ein bekanntes Muster konservativer bis rechtsextremer Abwertungen linker Positionen.

00:06:18: In der gegenwärtigen politischen Diskussion begegnet uns dieses Muster in Form der Behauptung, progressive Ideen seien linke Spinnereien gut Menschen tun oder weltfremder

00:06:30: Moralismus.".

00:06:32: Die Frage ist, ob wir uns in einer sich rasant verändernden Welt einschüchtern lassen sollten von den Versuchen die Moral unter dem Verdacht der Realitätsferner oder gar der Ideologie zu stellen.

00:06:45: Oder ob die Morale im Sinne einer Gleichwertigkeit und Gleichheit aller Menschen wieder vorangetrieben werden muss?

00:06:54: Trotz dieser eher negativen Gegenwartdiagnosen können und sollten wir Zuversicht haben!

00:07:02: Zwar mögen sich in Deutschland nationalistische und autoritäre Denkmuster derzeit auf dem Vormarsch befinden, das Ende dieses Wegs ist indes nicht vorgezeichnet.

00:07:13: In demokratischen Gesellschaften besteht jeder Zeit die Möglichkeit diesem Pfad auch wieder zu verlassen – dafür braucht es einen neuen Konsens über das moralische Grundverständnis der Republik hinzudem was unsere westlichen Demokratien einst begründet und starke macht hat, den Glauben an die universelle Würde aller Menschen.

00:07:37: Dieser Glaube wird zwar bereits häufig formuliert jedoch nicht wirklich umgesetzt – das wird in der politischen Gewalt gegen marginalisierte Gruppen deutlich!

00:07:47: Die Opfer sind vorrangig nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft und genau deshalb wird ihnen allzu oft eine uneingeschränkte Empathie

00:07:55: versagt.".

00:07:57: Migranten, Obdachlose, Homosexuelle, Menschen mit Behinderung oder Kranke werden marginalisiert und häufig diskriminiert.

00:08:06: Ihre Inklusion wird vor allem als Wohltat oft als Belastung und nicht etwa als Beitrag zu Demokratisierung empfunden.

00:08:16: Ob die Moral hier ihre Wirkung entfalten kann entscheidet sich mit der Sanktionsbereitschaft der Gesellschaft und sie beweist sich in dem Moment, indem diese herausgefordert wird.

00:08:28: Die Stärke demokratischer Gesellschaften ergibt sich aus ihrer breiten Akzeptanz und aus der Macht der vielen.

00:08:36: Damit sich dieser entfalten kann müssen die vielen tatsächlich bereit sein unmoralisches Verhalten zu bestrafen.

00:08:44: Dabei würde ein weniger an Gewalt gegenüber marginalisierten Gruppen auch ein geringeres Gewaltrisiko für alle anderen Menschen bedeuten, weil die ausnahmslose gesellschaftliche Echtung der Norm der Gewaltlosigkeit ein anderes Fundament geben würde.

00:09:02: Wer sich jedoch dazu herablässt, sich auch nur ein Stück weit auf die Werte Hierarchien einzulassen die autoritäre Kräfte zur Grundlage ihres Angriffs auf unsere Demokratien definiert haben, gibt genau jenen moralischen Anspruch auf den es hochzuhalten gilt.

00:09:20: Wer die Gleichheit der Menschen in Frage stellt, bekennt sich zwangsläufig zu Gewalt unter Drückung und dem Recht des Stärkeren – und läuft so Gefahr letztlich selbst zum Opfer dieser willkürlichen Hierarchie zu

00:09:34: werden.".

00:09:36: Die Sicherheit, die autoritäre Kräfte versprechen ist also nur eine scheinbare.

00:09:42: Sie wird nicht friedlich gewährt – sie braucht Gewalt!

00:09:48: Hatte sich Westdeutschland in den Jahrzehnten der Nahkriegszeit in moralischer Hinsicht über die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen definiert wurde diese negative Identität spätestens seit der Wiedervereinigung kritisch gesehen.

00:10:05: Dies setzte Dynamiken der Selbstentlastung in Gang.

00:10:09: Und das Verständnis von Vergangenheitsbewältigung wurde häufig auf symbolische Rituale reduziert.

00:10:16: Statt aus der Geschichte politische Verantwortung für die Gegenwart abzuleiten, wird sie heute auf den Sockel gestellt und betrachtet aber nicht mehr

00:10:24: verhandelt.".

00:10:26: Diese Endpolitisierung der Erinnerung öffnet den Raum für rechtsextreme Narrative und dafür, dass rechte Positionen wieder normalisiert werden können.

00:10:37: Der Aufstieg der AfD steht damit nicht isoliert sondern erfolgte auf einem von der Mehrheitsgesellschaft bereiteten Boden.

00:10:46: Der Umgang mit der Vergangenheit bleibt folgenlos, solange er nicht in ein entschiedenes Handeln gegen autoritäre und völkische Tendenzen mündet.

00:10:57: Dem Nationalsozialismus wurde der Weg nicht nur von Opportunisten geebnet sondern auch von Konservativen die glaubten aus der disruktiven Kraft den Nationalsoziellisten Profitschlagen zu können.

00:11:10: Genau hier muss die Kompromissfähigkeit der Demokratie enden.

00:11:15: Wer die Gleichwertigkeit der Menschen nicht anerkennt, ist ein Feind der Demokratie gegen den sie sich mit allen Mitteln verteidigen muss.

00:11:26: Das ist kein Widerspruch – kein Toleranzparadox sondern Selbstverteidigung!

00:11:33: Die behauptete Gleichheit von Männern und Frauen bleibt ein gesellschaftlicher Trugschluss.

00:11:40: Trotz formaler Fortschritte herrscht eine strukturelle und kulturelle Ungleichheit fort.

00:11:47: Männer und Frauen leben in unterschiedlichen Realitäten.

00:11:51: Männer verfügen Überhandlungsmacht, Frauen leben entpermanenter Gefährdung.

00:11:58: Diese Ungleichheit wurzelt tief in patriarchalen Strukturen die sich gleichermaßen in individuellen Haltungen wie in politischen Institutionen niederschlagen und von autoritären Kräften instrumentalisiert werden.

00:12:13: Sie stellen dadurch eine große Gefahr für die demokratische Ordnung dar.

00:12:18: Weltweit eint Autokratin und rechte Bewegungen der Kampf gegen Geschlechtergleichheit, Vielfalt- und queere Lebensentwürfe.

00:12:28: So wird der Feminismus von rechten Kräften häufig als moralisierend diffamiert.

00:12:35: Das gesellschaftliche Unbehagen, männliche Gewalt als strukturelles Problem zu begreifen hat gravierende politische Folgen.

00:12:44: Es überlässt das Thema der Sicherheit von Frauen den Rechtsextremen, die es in ihr Weltbild der autoritären Geschlechterordnung integrieren.

00:12:55: In diesem Denken verdient nur die traditionelle Frau Schutz.

00:13:01: Dabei konnten Rechtsextreme das Thema der Sicherheit von Frauen nicht zuletzt auch deshalb übernehmen, weil demokratische Parteien es nicht geschafft haben, das Problem klar zu umreißen und Lösungen anzubieten.

00:13:14: Die Unfähigkeit der Gesellschaft sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen – die Scheu davor unsere Prägungen eben nicht nur als weibliche Opfer sondern auch als männliche Täter offenzulegen verhindert dadurch nicht nur eine Entwicklung hin zu einer tatsächlichen Gleichheit der Geschlechter.

00:13:33: Es eröffnet den Anti-Demokraten auch einen weiteren politischen Raum.

00:13:40: Das Resultat?

00:13:41: Die patriarchale Gesellschaft ist im Kern undemokratisch, denn in ihr werden Männer und Frauen nicht gleichwertig behandelt.

00:13:51: Eine feministische Politik ist also entgegen der zeitgeistlichen Behauptung kein gut Menschenprojekt bei entspannter Haushaltslage.

00:14:00: Das Verfolgen der Gleichheit der Geschlechter muss ein Kern anliegen von Demokratinnen und Demokraten sein, das keinerlei Aufschub erlaubt!

00:14:11: Wo Frauenrechte relativiert werden beginnt der Abbau der Demokratie.

00:14:17: Gleichstellungspolitik ist damit kein moralischer Zusatz sondern Kern demokratischer Selbstbehauptung.

00:14:26: Wutum anhand der Migrationspolitik, der Klimapolitik, der Sozialpolitik und der Erinnerungskultur der vergangenen Jahrzehnte zeichnet Rabe in erhältender und vielschichtiger Weise nach wie es zur Verächtlichmachung der Moral kam und welche Folgen dies für das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik hat.

00:14:50: Rabestext bleibt dabei keine düstere Rückschau, sondern besticht als engagierter an vielen Stellen persönlicher Essay der verdeutlichen will dass die eigentliche Krise unserer Zeit in der Abkehr von moralischen Grundsätzen liegt.

00:15:06: Die das Fundament der Demokratie bilden Als Chronistin des politischen Zeitgeists der letzten Jahre formuliert Rabe einen klaren Abhell an die demokratische Solidarität.

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